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Studie Internet-Sucht in der Schweiz

 Studie zu konstruktivem versus problematischem Internetgebrauch

vgl. auch Internet-Sucht Onlineforschung

 Phänomen Internet-Sucht 

Offene Tür Zürich in Kooperation mit der Humboldt Universität Berlin, Juli 2001

Eine wissenschaftliche Studie der Humboldt Universität Berlin in Kooperation mit der Offenen Tür Zürich konnte nun auch in der Schweiz das Phänomen Internet-Sucht nachweisen. Ausgehend von einer anonymen Online-Erhebung, an der 565 Internetnutzerinnen und -nutzer teilgenommen haben, müssen 6% der Befragten als süchtig oder gefährdet eingestuft werden. Süchtige verbringen durchschnittlich 35, Gefährdete 20 Stunden Stunden pro Woche auf dem Netz. Von den Abhängigen sind rund 2/3 unter 20 Jahre alt, rund 2/3 sind männlich und knapp 2/3 ohne feste Beziehung. Jugendliche gehören zur Risikogruppe. Negative soziale Auswirkungen privat und im Beruf sind die Folgen. Die Ergebnisse decken sich im Wesentlichen mit der deutschen Studie mit über 7'000 Befragten. Unter den über zwei Millionen Menschen, die im Januar 2001 in der Schweiz das Internet genutzt haben, befinden sich somit nach zurückhaltender Einschätzung über 50'000 Internet-Süchtige oder -Gefährdete. Präventive Massnahmen und weitere Untersuchungen, um das genaue Ausmass des Phänomens zu ermitteln, drängen sich auf.

INHALT

  1. Hintergrund Internet
  2. Sucht
  3. Vorgeschichte der Schweizer Studie
  4. Ziele
  5. Die Online-Befragung
  6. Ergebnisse
  7. Diskussion
  8. Zusammenfassung
  9. Konsequenzen und präventive Massnahmen

 

1. Hintergrund Internet

Das weltumspannende Netz wird nach wie vor mit Wissen, Erfolg und wirtschaftlicher Entwicklung in Zusammenhang gebracht. Es bildet einen virtuellen Raum, der quasi als Parallelwelt die physische Körperwelt abbildet. Immer mehr UserInnen verbringen dort nicht nur ihre Arbeitszeit, sondern tauchen auch in der Freizeit im ewigen, unendlichen "und, und, und ..." wie es der Schriftsteller Peter Glaser beschreibt, ab. Ungeahnte Chancen und Möglichkeiten entstehen: Durch die Raumunabhängigkeit bilden sich neue Interessensgemeinschaften. Gruppen oder Communities übernehmen soziale Funktionen und unterstützen sich gegenseitig zu jeder Tages- und Nachtzeit. Es entstehen neue Integrationsmöglichkeiten für Randgruppen, für kontaktgehemmte oder isolierte Menschen. Mit grossem Aufwand wird die Integration von Computer und Internet im Alltag und vor allem auch an Schulen gefördert. Soziale Auswirkungen werden wenig oder gar nicht thematisiert.

 

2. Sucht

Es gibt Menschen die vom faszinierenden Medium kaum mehr loskommen. 1995 hat der amerikanische Psychiater Ivan Goldberg den Begriff "Sucht" erstmals im Zusammenhang mit dem Internet ausgesprochen oder vielmehr ins Netz gesetzt. Verschiedene Untersuchungen konnten die "Moderne Verhaltensstörung einer eskalierten Normal-Verhaltensweise " (Prof. Jerusalem,Berlin) nachweisen.

Gemäss übereinstimmenden Aussagen der Forscher manifestiert sich Internet-Sucht vor allem durch exzessives Nutzen von Chaträumen und Kommunikationssystemen, aber auch das stundenlange Spielen und Handeln über das Netz, das Konsumieren von Sexangeboten und das zwanghafte Suchen nach Informationen spielen eine wesentliche Rolle. Grundsätzliches Kriterium einer "Online"-Sucht ist, dass sich für die Betroffenen der Lebensmittelpunkt vom realen hin zum virtuellen Leben verschiebt.

 

3. Vorgeschichte der Schweizer Studie

Im November 99 initiierte die Sozialpsychologische Beratungsstelle Offene Tür Zürich eine Selbsthilfegruppe für Internetabhängige und löste damit eine Diskussion zum Phänomen Internet und dessen psychosoziale Auswirkungen aus. In der Folge organisierte die OTZ im September 2000 eine internationale Fachtagung zum Thema "Online zwischen Faszination und Sucht", die über die Landesgrenzen hinaus Beachtung fand.

Zum Thema Internet-Sucht existieren verschiedene Befunde aus den USA und auch aus dem deutschsprachigen Raum, während aus der Schweiz keine aktuellen Resultate zur Internetabhängigkeit vorhanden sind. Die letzte Studie aus der Schweiz mit 454 onlinebefragten Teilnehmern von Egger&Rauterberg stammt aus dem Jahr 1996. Die Offene Tür Zürich initiierte deshalb eine neue Schweizer Studie.

Die Schweizer Stichprobe wurde in Zusammenarbeit mit Prof. Jerusalem von der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Provider Bluewin AG erhoben.

Prof. Jerusalem, Inhaber des Lehrstuhles für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie beforscht seit 1999 die Thematik.

 

4. Ziele

Ziel der Untersuchung war es, das Phänomen Internet-Sucht in der Schweiz nachzuweisen. Dabei war es vor allem von Interesse, Aussagen über Personen machen zu können, die in diese Abhängigkeit geraten. Zusätzlich ging es darum, Hinweise zu erhalten, die Rückschlüsse auf den Anteil und die absoluten Zahlen von Abhängigen oder gefährdeten Internetnutzern ermöglichen.

Da sich die sozialpsychologische Beratungsstelle Offene Tür Zürich für Selbsthilfe, Behandlung und präventive Massnahmen engagiert, sind die Daten für die praktische Arbeit von Bedeutung. Ziel ist es, Betroffene zu unterstützen das Internet konstruktiv in ihren Alltag zu integrieren.

 

5. Die Online-Befragung

Für die Befragung waren sowohl normale Internet-Nutzerinnen und -Nutzer wie auch spezifische Subgruppen von Interesse. Demzufolge wurden alle SurferInnen zur Mitarbeit aufgerufen.

Am 23. September 2000 wurden im Rahmen einer Chatparty mit ca. 400 Teilnehmenden, welche sich vorwiegend übers Internet kennen, 17 Personen mittels standardisierter Interviews «face to face» befragt. 

Der Fragebogen wurde vom 24. September 2000 bis zum 31. Januar 2001 mit der Homepage von Bluewin, auf der Zugangsseite zu den Chats sowie mit der Homepage der Offenen Tür Zürich verlinkt. 578 Fragebogen wurden vollständig ausgefüllt, wobei 13 ausgeschieden wurden, da es sich um Personen handelt, die im Bereich Psychologie tätig sind. 565 vollständige Datensätze konnten somit ausgewertet werden. Der Fragebogen umfasst insgesamt 116 Fragen. Abhängigkeit wurde mit 23 Fragen erhoben und aufgrund folgender Konstrukte definiert: Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, Toleranzentwicklung, negative Auswirkungen auf soziale Beziehungen und negative Konsequenzen in Arbeit/Leistung.

Im folgenden ist aus jedem Bereich eine Frage aufgeführt.

"Ich habe schon häufiger vergeblich versucht, meine Zeit im Internet zu reduzieren."

"Wenn ich längere Zeit nicht im Internet bin, werde ich unruhig und nervös."

"Mein Verlangen danach, mehr Zeit im Internet zu verbringen, hat sich im Vergleich zu früher ständig erhöht."

"Seitdem ich das Internet nutze, haben sich einige Freunde von mir zurückgezogen."

"Meine Leistungen in der Schule/im Beruf leiden unter meiner Internet-Nutzung."

Die Abhängigkeit ergibt sich also nicht aufgrund der Zeitdauer auf dem Netz, sondern vielmehr aufgrund eines süchtigen Umgangs mit dem Medium.

 

6. Ergebnisse

Merkmale der Stichprobe

Das Verhältnis Männer zu Frauen ist nahezu ausgeglichen. 58% der Befragten sind berufstätig, 5% Hausfrauen oder -männer und 27% in Ausbildung.

Von den Auszubildenden sind 43% Schüler, 27% Lehrlinge und 28% Studenten.

53% haben einen festen Partner. 39% leben mit dem Partner zusammen. 26% haben Kinder und 6% sind alleinerziehend.

Altersverteilung:

unter 20

20-29

30-39

40-49

über 50

21%

23%

23%

16%

11

Auf dem Netz seit:

weniger als 1 J.

1 Jahr

2 Jahre

3 Jahre

mehr als 3J.

25%

25%

18%

10%

30%

Art der Nutzung:

nur privat

vor allem privat

50/50

vor allem

beruflich

28%

35%

28%

9%

Sucht

Von den Befragten wurden 2,3% als süchtig und 3,7% als gefährdet eingestuft. 6% machen also beide Gruppen zusammen aus. Süchtige verbringen durchschnittlich 5h/Tag oder 35h/Woche und Gefährdete 2,8h/Tag oder 20h/Woche auf dem Netz. Während Süchtige täglich online sind, loggen sich Gefährdete im Durchschnitt während 6,5 Tagen pro Woche ein. Von den Süchtigen sind 69% unter 20 Jahren, 69% männlich und 62% leben ohne festen Partner. Knapp die Hälfte der Abhängigen ist seit einem Jahr auf dem Netz. Die Mehrheit der Betroffenen ist ausschliesslich (69%) privat auf dem World Wide Web.

Auf die Frage «Wie viele Stunden müssen Sie täglich online sein, damit Sie sich wohlfühlen?», geben Süchtige 4,1 Stunden, Gefährdete 2,6 Stunden und Unauffällige 0,3 Stunden an.

Internetabhängige und andere Drogen

Aus der Studie geht hervor, dass es bei den internetsüchtigen Probanden nicht mehr Raucher und Alkoholkonsumenten gibt, als bei der Gruppe der unauffälligen Testpersonen. Allerdings zeigt die Studie gleichzeitig, dass jene Internetsüchtigen, die Raucher oder Alkoholkonsumenten sind, mehr rauchen und Alkohol konsumieren, also auch hier Suchttendenzen aufweisen.

Illegale Drogen waren statistisch nicht bedeutsam häufiger bei Internet-Süchtigen verglichen mit den Unauffälligen.

Soziale Auswirkungen privat und im Beruf

Dass 75% der Abhängigen auf die Aussage «Meine Gedanken kreisen ständig um das Internet, auch wenn ich gar nicht im Netz bin.» mit «trifft genau zu» antworteten, zeigt, dass sich die Abhängigkeit auch auf die Benutzerinnen und Benutzer auswirkt, wenn sie offline sind.

Dass Abhängigkeit vom Netz soziale Auswirkungen mit sich bringt, wird auch durch die Aussage: «Mir wichtige Menschen sagen, dass ich mich zu Ungunsten verändert habe, seitdem ich das Netz nutze.», unterstützt. 5% aller Befragten antworteten hier mit «trifft zu» oder «trifft genau zu»; davon gehören 3,4% der Gruppe der Süchtigen an. Soziale Auswirkungen in Beruf und Freizeit sind neben den Angaben der Betroffenen auch aufgrund der wöchentlichen Nutzungsdauer von 35 Stunden respektive 21 Stunden nahliegend.

Einsamkeit

Eine deutliche Mehrheit der Süchtigen (73%) antwortet auf die Aussage: «Ich fühle mich alleine.», mit «trifft genau zu» oder «trifft eher zu». Bei der Frage «Ich fühle mich einsam.» sind es rund 62%.

Die Frage der Einsamkeit Internetsüchtiger ist umstritten. Die Schweizer Daten zeigen, dass sich die Mehrheit der Betroffenen, sowohl Süchtige wie Gefährdete, häufig einsam fühlt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Internet einsam macht, sondern lediglich, dass Abhängige sich offline häufig sozial isoliert fühlen.

Problembewusstsein

Interessant ist, dass bei der Selbsteinschätzung die Süchtigen zu 92% und die Gefährdeten zu 71% auf die Aussage: «Ich bin internetsüchtig.» mit «trifft eher zu» oder «trifft genau zu» antworten. Das heisst sie wissen um ihre Abhängigkeit oder haben ein gewisses Problembewusstsein. Wie unsere Interviews zeigten, fällt es Betroffenen jedoch schwer, dies im direkten Kontakt zu äussern.

Impulskontrolle oder der Versuchung standhalten

Betroffene können der Versuchung ins Internet zu gehen schlechter widerstehen als der Durchschnitt. Das heisst sie können schlechter an einem Computer vorbeigehen oder dem Gedanken widerstehen, nach Möglichkeiten und Gelegenheiten zu suchen, sich ins Netz einzuloggen.

Problemlösungsmöglichkeiten

Die Untersuchung zeigt, dass Betroffene die Tendenz haben, Probleme zu verdrängen und sich weniger fähig fühlen Schwierigkeiten in ihrem Leben zu bewältigen.

 

7. Diskussion

Die Datenerhebung erfolgte wie bei den meisten Untersuchungen anonym über das Netz von einer Hompage aus, auf der sich möglicherweise mehr Abhängige aufhalten als auf dem ganzen Netz. Allerdings wurden hohe Anforderungen in Bezug auf die Suchtkriterien gestellt, was sich in dementsprechend hohen Netz-Stundenzahlen äussert. Von den unauffälligen Nutzern, stufen sich selber über 9% als süchtig oder eher süchtig ein. Zudem schätzten sich bei unseren "face to face" Interviews 1/3 als eher oder genau internetsüchtig ein, wobei aber nur eine Person gemäss dem Suchtkonstrukt knapp den Wert der Gefährdung erreichte. Das heisst, dass aufgrund der Selbsteinschätzung die Zahl der Süchtigen und Gefährdeten höher als die 6% wäre. Um die genaue Zahl der Süchtigen zu bestimmen sind weitere Untersuchungen nötig.

Aussagen über das Verhalten und die Selbsteinschätzung der Abhängigen können aber ohne diese Einschränkungen gemacht werden. So kann die Untersuchung zum Beispiel zeigen, dass sich Betroffene häufig einsam fühlen. Das heisst aber nicht, dass das Internet an sich einsam macht.

Vergleich mit der deutschen Stichprobe

Die Auswertung der Schweizer Daten ergab im Wesentlichen übereinstimmende Resultate mit der von der Humboldt Universität erhobenen Stichprobe, an der über 7'000 Probanden teilnahmen.

 

8. Zusammenfassung

Es gilt als erwiesen, dass auch in der Schweiz Internetsucht als pathologische Abhängigkeit existiert. 2,3% der Befragten gelten als süchtig, 3,7% als gefährdet und verbringen 35 respektive 21h/Woche auf dem Netz. Sie selber schätzen sich als abhängig ein und sind täglich online. Aufgrund unserer Erfahrung fällt es ihnen jedoch häufig schwer, dies im direkten Kontakt zu äussern. Ein Teil der Abhängigen fühlt sich einsam oder isoliert. Unter den Süchtigen ist die Mehrheit unter 20 Jahren, männlich und ohne festen Partner. Sie sind gedanklich auch offline mit dem Netz beschäftigt und vernachlässigen offline soziale Kontakte.

 

9. Konsequenzen und präventive Massnahmen

Die Bedeutung des Internets nimmt auch in der Schweiz weiter zu. Besonders bei der jungen Generation nimmt das neue Medium einen immer grösseren Stellenwert ein. Die Nutzung des Internets wird nicht zuletzt auch in den Schulen gefördert und erleichtert die Informationsbeschaffung, unabhängig von lokalen und zeitlichen Begebenheiten.

Die positiven Erwartungen zeigen, dass vor allem Jugendliche das Internet für ihre Zukunft als bedeutungsvoll einschätzen. Hohe positive Erwartungen in Kombination mit einer schlechten Selbstkontrolle, wie dies bei Internet-Süchtigen nachgewiesen werden konnte, bringen eine erhöhte Gefährdung mit sich. Ein realistisches Bild über die Nutzungsmöglichkeiten, das heisst eine gute Einschätzung darüber, was das neue Medium kann und was nicht, hilft, die Suchtgefahr zu reduzieren.

Dieses Wissen sollte ebenso wie der technische Umgang mit dem neuen Medium erarbeitet werden. Deshalb sind Information und präventive Massnahmen wichtig.

Ein erster Schritt in diese Richtung leisten die beiden grossen Schweizer Provider Bluewin AG und Swissonline. Beide werden in der Chatumgebung auf ihren Portalen einen Link zu dieser Untersuchung einrichten und Benutzern die Ergebnisse dieser Studie zugänglich machen. Sie leisten damit einen Beitrag an die dringend notwendige Informations- und Präventionsarbeit und ebnen darüber hinaus den Weg für eine konstruktive Zusammenarbeit im Bereich Internet-Sucht.

Franz Eidenbenz, lic.phil.I, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP